Leiser atmen, besser lernen: Was Eltern und Lehrpersonen über die Atmung von Kindern wissen sollten
Aktualisiert: 25. Sept.
„Atme mal tief durch“ ist wahrscheinlich der am besten gemeinte und am schlechtesten funktionierende Satz, den wir Kindern sagen. Warum das so ist, was ihr Körper stattdessen braucht, und eine Übung, die du heute Abend noch ausprobieren kannst.
Wo es hakt
Der Satz, den jedes Kind kennt
Stell dir vor: Montagmorgen, zweite Stunde, Mathe. In der dritten Reihe kaut einer auf seinem Bleistift, am Fenster wird getuschelt. Und irgendwann fällt er, der Satz: „Atme mal tief durch.“
Der Junge gehorcht. Mund auf, Schultern bis unter die Ohren, und dann pumpt er Luft, als müsse er allein die Ballons für das ganze Schulfest aufblasen. Danach ist er genauso zappelig wie vorher.
Ich bin Holländerin, ich sag's direkt: Der Fehler liegt nicht beim Kind. Er liegt im Satz.
Ich weiß, wovon ich rede. Ich war selbst jahrelang im Dauer-Overdrive, immer ein Gang zu hoch. Tief durchgeatmet habe ich ständig. Geholfen hat es nie. Erst als ich verstanden habe, was mein Atem eigentlich tut, hat sich etwas verändert. Dieses Wissen gebe ich am liebsten an die weiter, die es am längsten nutzen können: Kinder.
Tief heißt nicht viel
Ein gestresster Körper atmet sowieso schon zu schnell und zu viel. Wer ihm noch mehr Luft verordnet, gießt Wasser in ein volles Glas. Ruhe entsteht anders: leise, langsam, durch die Nase.
Und tief? Darf es sein, nur nicht so, wie wir es gelernt haben. Tief heißt, dass die Bewegung weit unten passiert. Das Zwerchfell arbeitet, Bauch und untere Rippen bewegen sich sanft, Brust und Schultern haben frei. Mit „möglichst viel Luft“ hat das null zu tun.
„Der Fehler liegt nicht beim Kind. Er liegt im Satz.“
Die Nase kann mehr, als man ihr zutraut
Wir behandeln die Nase wie ein Accessoire. Dabei wärmt sie die Luft, filtert Partikel heraus und sorgt für die richtige Feuchtigkeit, bevor irgendetwas in der Lunge ankommt. Der Mund kann nichts davon. Außerdem produzieren die Nasennebenhöhlen große Mengen Stickstoffmonoxid, das beim Nasenatmen mit in die Atemwege gelangt.
Und die Nase bremst. Wer durch sie atmet, atmet ruhiger und hält den Kohlendioxidgehalt im Blut stabiler. Das ist der eigentliche Punkt: Der Körper braucht Kohlendioxid, damit das Blut seinen Sauerstoff an Muskeln und Gehirn abgibt. In der Physiologie heißt das Bohr-Effekt. Bei mir heißt es: weniger Luft, mehr Wirkung.
Der offene Mund, den keiner sieht
Achte einen Tag lang darauf, wie die Kinder um dich herum atmen. Beim Lesen, vor dem Tablet, beim Einschlafen. Ich wette, du siehst öfter einen offenen Mund, als dir lieb ist. Mundatmung bei Kindern ist verbreitet und wird trotzdem ständig übersehen.
Besonders nachts lohnt sich der Blick. Der offene Mund im Schlaf gehört zu den typischen Anzeichen schlafbezogener Atmungsstörungen, zusammen mit Schnarchen und Atemaussetzern. Am nächsten Tag zeigt sich das oft nicht als Müdigkeit, sondern als Unaufmerksamkeit, Konzentrationsprobleme und schlechte Laune. Eine Langzeitstudie hat über 11'000 Kinder begleitet: Kinder mit solchen Atemsymptomen zeigten mit 4 Jahren 40 Prozent und mit 7 Jahren 60 Prozent mehr Verhaltensschwierigkeiten.
Nicht jedes zappelige Kind hat ein Atemproblem. Die Studien zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen, und manchmal ähneln die Symptome ADHS so sehr, dass sie verwechselt werden. Genau deshalb lohnt sich das Hinschauen.
Was wirklich hilft
Sich spüren kann man lernen
Bei Erwachsenen sehe ich es ständig: Viele merken erst, dass sie seit Stunden unter Strom stehen, wenn der Körper irgendwann ziemlich unmissverständlich wird. Steifer Nacken. Kopfschmerzen um vier Uhr nachmittags.
Kiefer irgendwo zwischen „angespannt“ und „Beton“.Ich kenne das gut. Ich war lange eine davon. Und dann ist da noch mein ADHS-Gehirn. Wenn mir jemand sagt: „Spür doch mal in dich hinein“, denke ich manchmal: Gerne. Aber wer genau spricht da gerade – mein Kopf, mein Bauch oder mein Herz?
So, I feel you. ;)
Die Wissenschaft nennt die Fähigkeit, Signale aus dem eigenen Körper wahrzunehmen, Interozeption, und sie gilt als wichtiger Faktor für die psychische Gesundheit. Das Spannende: Diese Fähigkeit reift vor allem in Kindheit und Jugend heran, und Bezugspersonen spielen dabei offenbar eine zentrale Rolle.
Kinder spüren sich also nicht besser als wir.
Sie lernen es gerade. Und wir sitzen mit am Tisch.
Der Atem ist dafür das direkteste Werkzeug, das wir haben. Und die Ausatmung spielt offenbar die Hauptrolle: Beim Einatmen richtet sich die Aufmerksamkeit eher nach außen, beim Ausatmen nach innen. Deshalb sage ich in jeder Stunde denselben Satz, bis ihn alle mitsprechen: locker ausatmen.
Dass Atemtraining bei Kindern etwas bewirkt, ist belegt. In einer randomisierten Studie verbesserten sich bei Kindern mit Asthma Asthmakontrolle und Lebensqualität deutlich, wenn sie zusätzlich zur Behandlung eine Atemtechnik über die Nase lernten.
Aber: Was bei einem Marathonläufer wirkt, gehört nicht eins zu eins ins Kinderzimmer. Für Kinder muss es sanft sein, kurz und spielerisch. Mit einem Vortrag über das Zwerchfell gewinnst du keine Klasse. Mit etwas zum Anfassen und Nachfahren schon.
Die leise Welle
Auf dem Blatt ist eine einzige Wellenlinie. Das Kind setzt den Finger auf den Start und fährt los, ohne abzusetzen. Welle hinauf: einatmen. Welle hinunter: ausatmen. Immer durch die Nase. Die Wellen werden von links nach rechts kleiner, und die Atemzüge mit ihnen.
Am Ziel atmet das Kind so leise, dass niemand es hört. Ein leises „ein bisschen mehr Luft wäre schön“ darf dabei auftauchen. Genau dann machst du die Übung richtig.

5 bis 8 Jahre. Die freie Hand liegt auf dem Bauch, der sich ein wenig hebt, während die Schultern unten bleiben. Beim ersten Mal fährt dein Finger neben dem deines Kindes mit. Zwei bis drei Minuten.
8 bis 12 Jahre. Zwei Runden. In Runde eins liegt die freie Hand seitlich an den Rippen, in Runde zwei ein Finger unter der Nase, der am Ende nur noch einen Hauch spürt. Zusammen etwa zwei Minuten.
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Im Alltag
Im Klassenzimmer
Der 60-Sekunden-Reset. Eine Welle an die Tafel, deren Wellen kleiner werden. Alle Finger in die Luft, alle fahren mit, durch die Nase, im Schneckentempo, zwei, drei Runden. Nach der Pause, vor der Probe, wenn die Stimmung kippt.
Einmal habe ich mit einer ganzen Klasse eine Runde Atemtraining gemacht. Danach war es ein anderer Raum. Die Kinder waren sichtbar ruhiger, und das Schönste: die Lehrpersonen auch. Zum ersten Mal an diesem Tag waren sie nicht im Kopf, sondern im Körper.
Zu Hause
Beim Einschlafen. Zähne geputzt, Licht gedimmt, zwei Minuten Welle. Übt in ruhigen Momenten, nicht erst im Ausnahmezustand. Eine Übung, die ein Kind mitten im Wutanfall zum ersten Mal hört, prallt ab. Eine, die es kennt, holt es sich irgendwann von selbst.
Vormachen schlägt erklären. Wenn du leise durch die Nase atmest, während dein Kind vor dir tobt, kommt diese Ruhe oft schneller an als jeder gute Rat. Ich habe vier Kinder. Glaub mir, ich habe das ausreichend getestet.
Und das Mundtape? Auf Social Media kleben sich Erwachsene nachts den Mund komplett zu. Davon halte ich bei Kindern nichts, und die Forschung auch nicht: Eine systematische Übersichtsarbeit warnt vor Risiken, vor allem wenn die Nase nicht frei ist.
Es gibt aber einen Unterschied, den viele nicht kennen. Es gibt Mundtapes für Kinder, die nicht über den Mund, sondern rund um die Lippen geklebt werden und in der Mitte offen bleiben. Das Kind kann den Mund jederzeit öffnen, bekommt aber einen sanften Impuls, ihn geschlossen zu halten. Ich halte viel von diesem Ansatz, weil die Nacht acht Stunden Übungszeit ist, die sonst ungenutzt bleibt.
Wichtig ist die Reihenfolge. Solche Tapes sind erst ab vier Jahren gedacht, und der Hersteller selbst empfiehlt, vor dem Einsatz im Schlaf mit einer Ärztin oder einem Arzt zu sprechen. Außerdem gewöhnt sich ein Kind am besten tagsüber daran, zum Beispiel beim Lesen oder Spielen. Und wenn dein Kind schnarcht oder nachts Atemaussetzer hat, führt der erste Weg ohnehin in die Kinderarztpraxis oder zur HNO, nicht in den Drogeriemarkt.
Wann du ärztlichen Rat holen solltest
Schnarcht dein Kind regelmäßig, setzt die Atmung nachts kurz aus, schläft es fast immer mit offenem Mund oder ist tagsüber ständig müde? Dann gehört das in die Kinderarztpraxis oder zur HNO. Manchmal ist die Ursache ganz handfest, etwa vergrößerte Mandeln. Dann hilft keine Übung der Welt allein.
Weniger ist mehr
Nach solchen Atemrunden erlebe ich immer wieder dasselbe: Die Kinder hören zu, sind da, zappeln weniger. Und manche Jugendliche schlafen dabei sogar ein. Auch das erzählt etwas darüber, wie selten ihr Körper tagsüber wirklich runterfahren darf.
Kinder brauchen keine komplizierten Techniken. Sie brauchen eine Nase, die benutzt wird, einen Atem, der leise sein darf, und Erwachsene, die es vormachen.
Atemtraining für deine Schule
Ich komme in Klassen, in Lehrerzimmer und an Elternabende. Die Kinder lernen spielerisch, ihren Atem als Werkzeug zu nutzen. Die Lehrpersonen nehmen Übungen mit, die ohne Vorbereitung funktionieren, und erleben selbst, wie schnell sich ein Raum verändern kann. Jeder Workshop wird auf Alter und Klasse zugeschnitten.
Alles liebe eure Sanne
Quellen
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